Rekonstruktion der Peitinger
Villa Rustica

Aufbau und Grundriss

Der erste Besitzer der Villa Rustica bei Peiting war vermutlich ein ehemaliger römischer Soldat. Verdiente Veteranen erhielten ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. nach ihrem Abschied aus der römischen Armee nicht nur das Bürgerrecht, sondern auch Geld und Land. Darauf errichteten sie sogenannte villae rusticae (dt.: Häuser auf dem Land). Diese ähneln modernen Aussiedlerhöfen. Die dazu gehörigen Wirtschaftsbetriebe versorgten die Bevölkerung in der Umgebung mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern.

Gehobene Ausstattung

Die typische villa rustica bestand aus einem Wohnhaus (praetorium), mehreren Wirtschaftsgebäuden und einem Badehaus. Das Haupthaus war in der gehobeneren Form wie hier bei Peiting mit einer Fußboden- und Wandheizung (hypocaustum) ausgestattet.

Das abseits stehende Badegebäude (balneum, Reste des Unterbodens s. Bild) umfasste unterschiedliche Bereiche von kalten bis heißen Räumen. Vom Heizraum aus strömte die Wärme durch den Boden. Eine Apsis (halbrunder Erker) Richtung Süden fing das Sonnenlicht ein. Über einen überdachten Gang vom Wohnhaus erreichten die Bewohner trockenen Fußes das Bad.

Seltenes Atriumhaus

Die Peitinger Villa Rustica gehört zu den größten Anlagen dieser Art in Süddeutschland (ca. 2,5 Hektar, das entspricht in etwa der Größe von drei Fußballfeldern). Dabei handelt es sich um eines der in Deutschland seltenen Atriumhäuser, bei denen die Wohnräume um einen überdachten oder offenen Innenhof (atrium) angeordnet sind (s. Bildmitte).

Um das Hauptgebäude standen verschiedene Nebengebäude, deren Funktion bis heute nicht eindeutig geklärt ist (rote und schwarze Linien in der oberen und rechten Bildhälfte). Eine Steinmauer umgab den Gebäudekomplex.

Heute ist lediglich das Badehaus vollständig ausgegraben und kann von einem Schutzhaus umgeben ganzjährig besichtigt werden (grüne Linien).

Grabungen in 60 Jahren

Vor der Zerstörung gerettet

Geschichte der Ausgrabung

Das römische Landgut bei Peiting in Oberbayern wurde in mehreren Bauphasen zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. errichtet und bewohnt. Nach dem Abzug der Römer verfielen die Gebäude und gerieten in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert begann man sich für die längst überwachsenen Schutthaufen zu interessieren.

1837

Der Münchner Lehrer Franz Maria Ferchl erwähnt in einem Brief vom 14. Juni 1837 verschiedene geschichtsträchtige Orte rund um Peiting, darunter auch eine Wiese mit dem Namen „Neukirchen“. Wenn man dort grabe, stoße man auf Steinmauern, die von den Römern stammen könnten.

1962

Bei der Einebnung des Grundstücks kommen noch mehr Grundmauern zum Vorschein. Archäologen nehmen weitere Grabungen vor. Dabei stoßen sie zum Beispiel auf die Fundamente eines Gebäudes mit drei Öfen. Das könnten eine Töpferei, eine Ziegelei und eine Darre zum Trocknen von Früchten gewesen sein. Dies bleibt jedoch ungeklärt. 

1984

Mitten durch das Gelände wird eine Ferngasleitung gebaut, trotz Einspruchs des damaligen Bürgermeisters Klement Sesar. So werden große Teile der bekannten Fundamente und noch nicht untersuchte Gebäudereste unwiederbringbar zerstört. 

1992

Der Förderverein Villa Rustica zum Schutz der antiken Bausubstanz wird gegründet.

2004 bis 2012

Über den Resten des freigelegten Badehauses wird ein Schutzhaus errichtet. Der Förderverein und zahlreiche Ehrenamtliche legen einen römischen Küchen- und Heilkräuterlehrgarten auf der Rückseite des Badehauses an. Sowohl das Schutzhaus als auch der Lehrgarten können nur mit der Hilfe von Spenden, staatlichen Fördergeldern und unzähligen Ehrenamtlichenstunden realisiert werden. 

2015

Bei einer geophysikalischen Vermessung werden Spuren weiterer Mauerreste entdeckt und dokumentiert.

1956

Der Peitinger Landwirt Max Schäffler will sein Feld auf der Flur „Neukirchwiesen“ mit der Planierraupe einebnen. Bürgermeister Karl Fliegauf wendet sich daraufhin an das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und veranlasst, dass das Gelände davor auf mögliche Mauerreste hin untersucht wird.

Unter der Leitung des Archäologen Wilfried Titze findet draufhin eine Notgrabung statt: Die Arbeiter finden Mauerreste eines Wohn- und Badegebäudes. So können die Grundrisse nachgezeichnet werden.

1987 bis 1989

Vor dem Bau der Umgehungsstraße B17 folgen weitere Grabungen. Dabei entdecken die Archäologen die Reste eines 8 m x 30 m großen Gebäudes mit einer Feuerstelle und Fundamente eines Tors. Auch Mauerreste von weiteren Gebäuden findet man in dieser Zeit.

Bei den anschließenden Bauarbeiten werden einige Grabungsareale von früher komplett zerstört. So sind weitere Grabungen im Südbereich der Villa Rustica nach dem Straßenbau nicht mehr möglich. Zu den Funden, die die Bauarbeiter beim Straßenbau machen, gehören Bruchstücke einer Terra Sigillata-Schale in der Baggerkette, ein antikes Rasiermesser, der Bronzegriff einer Schöpfkelle für kaltes Wasser im Bad und eine Gewandfibel. 

2000 bis 2003

Das Badehaus mit Hypocaustenheizung und zum Teil originalem Gussbetonboden wird freigelegt. Dazu gehören acht noch aufrecht stehende, rund 70 cm hohe Ziegelpfeiler (pilae) als Teil der Hypocaustenheizung. Die von heißem Rauch umströmten Pfeiler trugen den Gussbetonboden im Heißbaderaum. 

Spuren der Römer finden Sie auch an anderen Orten in der näheren Umgebung von Peiting.

Mehr dazu unter www.alpenrand-in-roemerhand.de.

Antike Funde aus der Römerzeit

Interessante Funde

Einzigartige Fundstücke

Bei den Grabungsarbeiten stießen die Arbeiter auf einige interessante Funde. Sie gewähren Einblicke in das Leben vor knapp 2000 Jahren. Zu den bedeutendsten Fundstücken der Peitinger Villa Rustica zählen die Scherben von Terra-Sigillata-Schalen, der sogenannte Peitinger Liebeszauber auf einem Bleitäfelchen und ein eiserner Hebe-Schiebe-Schlüssel mit Bronzegriff. 

Der "Peitinger Liebeszauber"

Eingemauert im Fundament des Haupthauses fand man im Jahr 1956 eine kleine auf beiden Seiten beschriftete Bleiblechtafel. Sie ist 17 cm lang und 4 cm breit. Die auf dem Täfelchen eingeritzte Schrift läuft von rechts unten nach links oben. Manche Buchstaben stehen auf dem Kopf, manche sind seitenverkehrt. Der Sinn der Schriftzeichen erschloss sich nicht sofort.

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Terra-Sigillata-Schale

Auf eine edle Terra-Sigillata-Schale stieß die Grabungsmannschaft im Jahr 1956. Als Terra Sigillata wird das gehobene römische Tafelgeschirr aus Ton bezeichnet, das in einem besonderen Verfahren mithilfe sogenannter Formmodeln hergestellt wurde.

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Römischer Hebe-Schiebe-Schlüssel​

Zwischen Fundamentresten in der Nähe einer Abwasserleitung fand ein Vereinsmitglied im Jahr 2002 einen römischen Hebe-Schiebe-Schlüssel. Er besteht vorwiegend aus Eisen und ist 21 cm lang.

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Römische Kulturpflanzen

Lehrgarten um das Schutzhaus herum

 

Der römische Lehrgarten

Auf der Südseite des Schutzhauses legte der Förderverein mit zahlreichen Helfer*innen und Unterstützer*innen einen römischen Küchen- und Heilkräuterlehrgarten an, der zur Besichtigung geöffnet ist. 

Hier wachsen rund 75 verschiedene Pflanzen, die die Römer in unsere Gegend gebracht oder für die Gartenkultur veredelt haben. Dazu gehören Getreidesorten wie Einkorn, Emmer, Nacktweizen und Dinkel, verschiedenes Gemüse wie Fenchel, Spargel, Linsen, Erbsen, Kohl und Mangold, die Heil- und Küchenkräuter Thymian, Melisse, Weinraute und Rosmarin sowie Gehölze und Obstbäume wie Holunder, Weißdorn, Kirsche, Pflaume und Walnuss. Ein Weinstock erinnert daran, dass die Römer in der Gegend um Peiting sogar Wein angebaut haben. Nicht zufällig heißt ein benachbarter Weiler Weinland.

Schautafeln im Lehrgarten erklären die Nutzung der gezeigten Pflanzen zur Zeit der Römer. In einer Vitrine nahe dem Schutzhaus sind die Samenstände von verschiedenen Pflanzen aus dem Lehrgarten ganzjährig zu sehen.

Der römische Lehrgarten an der Villa Rustica Peiting ist mit anderen Schaugärten in der Umgebung vernetzt. Weitere Gärten finden Sie unter www.gartenwinkel-pfaffenwinkel.de.

Infos zur Besichtigung und zu Führungen sehen Sie hier.